Camino de la Costa 07: Von Arnope nach Bolibar (26,4 km)

13. September 2018. Was kann schon passieren, wenn man den ganzen Tag von zwei niederländischen Krankenschwestern begleitet wird, auch wenn die eine davon männlich ist. Eine Menge schöner Dinge …

Dieser Beitrag ist auch schon auf meinem neuen Blog veröffentlicht: http://markusunterwegs.de/2018/11/04/camino-de-la-costa-07-von-arnope-nach-bolibar-264-km/

Die Nacht in Arnope war wie zu erwarten – schwülwarm, stickig und laut. So manchen, wie Katrin auch, hatte es aus den Betten in den kleinen Aufenthaltsbereich vertrieben. Hier schlich ich mich des Nachts auch hin, aber nur um meine aufgeweichte und im Zerfallen begriffene Geldbörse zu holen, die dort die ganze Zeit gelegen hatte. So konnte sich dann mein Schutzengel endlich auch aufs Ohr hauen.

Wir machten uns ganz früh marschbereit und gingen bei leichtem Nieselregen in der Dunkelheit los. Zu Vasek und mir gesellten sich Katrin und Hannah, eine Krankenschwester aus den Niederlanden. Mit ihr hatte ich vereinbart, sie unter dem Pseudonym „Gwendolyn“ zu führen, aber nur dann, wenn ich böse Sachen über sie schreiben würde. Danach stand mir aber überhaupt nie der Sinn.

So stapften wir durch den Wald, der zwar finster war, aber nicht bitterkalt. Mit einem T-Shirt war man am Anfang noch gut und passend angezogen. Erst im weiteren Verlauf nahm der Regen zu, so dass wir zu Regenjacke und schrillbunten Rucksack-Kondomen greifen mussten.

Leider, oder vielmehr zu unserem großen Glück, interpretierten die voraus laufenden Damen eine gelb-weiße Wanderweg-Markierung falsch und deuteten sie als Camino-Pfeil. So liefen wir falsch bergab in ein kleines Dorf. Ein Glücksfall deshalb, weil wir hier auf Stijn trafen, eine nette männliche Krankenschwester aus den Niederlanden, mit dem Hannah schon am Vorabend gesprochen hatte. Man stelle sich einen Rudi Carell mit etwa vierzig Jahren mit schwarzer Baseball-Kappe, schwarzer Jacke und Hose vor, so sah er im Prinzip mit seiner markanten Nase aus.

Stijn führte uns nicht durch irgend eine Show, sondern auf den rechten Weg zurück und blieb ebenso wie Hannah die nächsten Tage bei uns.

In Olatz an der Kirche frühstückten wir mal wieder Bananen, so gestärkt machten wir uns auf den 19 Kilometer langen Weg nach Morkina-Xemein. Dies bedeutete am Anfang erst mal einen langen Anstieg auf über 500 Metern zu bewältigen. Durch die Regentropfen auf meiner Brille konnte ich den steinigen und schwer begehbaren Weg kaum sehen. Aber schließlich hörte der Regen dann doch auf und wir hatten alle freie Sicht.

Steiler Pfad im Regendunst
Steiler Pfad im Regendunst

Die Strecke ab dem höchsten Punkt war ein Höhenweg durch den Wald. Auf der ganzen Strecke gab es keine Wasserstellen und die wenigen Quellen waren wegen des hohen Eisengehalts des Wassers nicht genießbar.

Wir machten an einem verlassenen Bauernhof mitten im Nirgendwo Rast und aßen zusammen einen Snack, unterbrochen von dem Geschnatter zweier amerikanischer Tourigrinas im fortgeschrittenen Alter. Ihre Rucksäckchen waren gerade ausreichend für die ein oder andere Beischlafutensilie, aber zu klein zum echten Pilgern. Anscheinend hatten sie eine Art Gepäckservice geordert.

Auf einer Anhöhe mit schöner Aussicht trafen wir das deutsche Pärchen wieder, das am Vortag Katrin begleitet hatte und uns immer wieder mal überholte, um dann von uns wieder einkassiert zu werden. Ab hier verloren wir Katrin aus den Augen, die wohl mit den beiden weiter gelaufen war.

Gelb befallene Kieferbäume
Gelb befallene Kieferbäume

Da wir weiter nach Bolibar gelaufen sind und ich – fälschlicherweise – annahm, dass sie nur bis Markina-Xemein laufen wollte, ging ich an diesem Tag davon aus, dass wir sie wohl nicht wieder sehen würden. Das brachte mich dazu, über unerwartete Trennungen ohne Abschied nachzudenken, besonders im Zusammenhang mit dem Tod von mir nahe stehenden Menschen. Hier wurde ich an diesem Tag von dem Camino mit wichtigen Erkenntnissen beschenkt.

Kapelle mit Steinaltar in Markina-Xemein
Kapelle mit Steinaltar in Markina-Xemein

In Markina-Xemein trafen wir an der berühmten Kapelle mit den Felsen zum ersten Mal einen kichernden Koreaner, der uns noch einige Male begegnen sollte.

Ein einer Bar im Zentrum ließ ich mich bei einem Glas Estella von Hannah und Stijn überzeugen (nicht überreden), noch weiter bis Bolibar zu laufen. In ihrer App hatten sie eine Herberge gefunden, die nicht in meinem Reiseführer verzeichnet war.

Mir taten zwar die Knie weh von dem mörderischen Abstieg in die Stadt zuvor, aber der leckere Café con Leche hatte mich angeregt, aus dem Tag noch mehr heraus zu holen. Also liefen wir an der öffentlichen Herberge vorbei, entboten den dort gerade absteigenen alaskanischen Schnarchkünstlern unseren Gruß und machten uns auf einen Weg, der natürlich wieder durch knackige Anstiege geprägt war. Er führte nach Bolibar, der Ort, in dem die Familie des südamerikanischen Freiheitskämpfers Simon de Bolivar gelebt hat und wo es auch ein entsprechendes Museum gibt.

Wahrscheinlich die schmalste Herberge des Camino de la Costa
Wahrscheinlich die schmalste Herberge des Camino de la Costa

Mitten in Bolibar stießen wir auf Peter, der uns gleich einlud, in die von ihm und Nico bewohnte Herberge zu kommen. Wir trotteten ihm hinterher und trafen auf ein putziges schmales Haus, das aussah, als wäre es aus der Altstadt von Bremen entführt worden. Das Haus war ganz neu und urgemütlich, das oberste Geschoss war dabei noch gar nicht fertig ausgebaut.

So riefen wir, wie von einem Zettel gewünscht, den Hospitalero Rafa an, der in Reiter-Kluft nach kurzem Moment erschien und uns in dem kleinen Häuschen herumführte. Er erzählte auch ein wenig vom Pferd, ging danach in den Garten und striegelte es weiter.

In der Küche stand eine Waschmaschine mit eingebautem Trockner, dieser trauten wir gerne unsere Klamotten an.

Auf der kleinen Terasse vor dem Eingang genoss ich mit Peter, Nico und Hannah noch ein Wasserglas Wein und telefonierte noch lange mit den Lieben daheim, während die anderen schon in die einzige geöffnete Bar des Ortes gingen. Ich kam später hinzu und konnte bei einem kleinen Happen und einem guten Tropfen aus Rioja den Tag ausklingen lassen.

Blieb nur noch, die Wäsche aus der Maschine herauszuholen und an die richtigen Leute zu verteilen, bevor ich mich ins Bett fallen ließ, nicht ohne zuvor Hannah mit Tipps zur Fußpflege und mit etwas Zinksalbe zu versorgen.

Fazit des Tages: Der Camino führt dich spontan mit großartigen Menschen zusammen und er trennt dich auch spontan von solchen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s