Camino de la Costa 05: Von Orio nach Zumaia (17,4 km)

11. September 2018. Die Dumme-Gesicht-Navigation funktionierte sehr gut, es ging vorbei an tausenden stählerner Muscheln und wir lernten im Kloster, wie man Rotwein aus einer kleinen Plastikflasche trinkt.

Dieser Beitrag ist auch schon auf meinem neuen Blog veröffentlicht: http://markusunterwegs.de/2018/10/28/camino-de-la-costa-05-von-orio-nach-zumaia-174-km/

Eingelullt vom Rauschen des Atlantiks schliefen wir im Großen und Ganzen gut und lange. Leider waren durch den Morgentau die frisch, aber zu spät gewaschenen Sachen und auch das Tarp noch klatschnass. Dieser Umstand drückte unsere Motivation, uns sonderlich zu beeilen, speziell ich kam nicht so recht aus dem Quark, ohne genau zu wissen, warum.

Katrin war daher mit Ihrem extrem praktischen Zelt schon lange fertig und in ihr reifte der durchaus nachvollziehbare Gedanke, noch in Orio einen Kaffee zu trinken. Sie inspizierte noch einmal genau den auf unserem Zeltplatz stehenden Baum, den wir als Wäscheständer missbraucht hatten, damit Vasek und ich nicht in die Verlegenheit geraten konnten, einen nassen BH außen am Rucksack befestigen zu müssen. Dann zog sie von dannen ihrem alkaloidhaltigen Heißgetränk entgegen.

Nach einer kleinen Weile brachen wir dann auch auf und mussten uns wegen einer gesperrten Brücke durch Orio hindurchschlagen und über eine weiter entfernte Brücke der Nationalstraße laufen. Aber auch in Orio klappte die „Dumme-Gesicht-Navigation“ hervorragend. Man stellt sich als Pilgerer einfach an eine Straßenecke, schaut um sich und macht ein dummes Gesicht. Relativ schnell half auch in diesem Fall eine Passantin dadurch, dass sie „Camino“ sagte und mit dem nackten Zeigefinger in die richtige Richtung deutete.

Dabei wärmte die morgentliche Sonne den Asphalt schon mächtig auf. Und bis wir den Gran Camping vor Zarautz erreichten, unser Plan-B-Ziel vom Vortag, hatten wir schon ordentlich Höhenmeter auf asphaltierten Straßen hinter uns, viel Wasser getrunken und versucht, uns mit weiteren tschechischen Äpfeln Extra-Energie einzuverleiben. Bei der Wasserstelle am Eingang des Campingplatzes waren wir doch froh, in Orio geblieben zu sein, so sonderlich einladend sah es hier nicht aus und es war auch ein gutes Stück vom Atlantik-Strand entfernt.

Strand und Golfplatz von Zarautz
Strand und Golfplatz von Zarautz

Wir stiegen herunter nach Zarautz und ließen den Ort schnell hinter uns, um auf der Uferpromenade neben der Nationalstraße nach Getaria zu laufen, um hier etwas zu Essen zu finden.

Blick von der Uferpromenade westlich von Zarautz
Blick von der Uferpromenade westlich von Zarautz

Es war eine Strecke des Rauschens, links rauschte der Verkehr, rechts das Meer. An diesem Tag war das Wetter mal wieder traumhaft und das Meer erstrahlte in einem wundervollen Blauton.

Passend zum Camino war das Geländer an der Uferpromenade im Muschel-Design gehalten. So war ziemlich eindeutig, dass es sich hier um den richtigen Weg handelte. Dies dachte sich wohl auch eine Pilgergruppe, die in einiger Entfernung vor uns her lief, die wir aber durch unsere Trinkpausen an den Wasserstellen nicht einholen konnten und das auch eigentlich nicht wollten. Ein paar Tage später trafen wir sie dann in einer Herberge und lernten sie dann von ihrer nicht so guten Seite kennen.

Das Geländer der tausend Muscheln
Das Geländer der tausend Muscheln zwischen Zarautz und Getaria

Der Plan mit dem Essen in Getaria fiel ins Wasser. Wir hatten die Hoffnung, nicht innerhalb des Ortes suchen zu müssen, sondern entlang des Camino eine Bar mit leckeren Pintxos zu finden. Aber der Ort war deutlich kleiner als gedacht und so waren wir schneller wieder draußen, als wir vorher geplant hatten.

Zentraler Platz in Getaria
Zentraler Platz in Getaria

Also kraxelten wir etwas hungrig weiter hoch nach Askizu. Vasek zauberte aus seine Mary-Poppins-Tasche noch weitere tschechische Äpfel hervor und ich steuerte ein paar Nüsse dazu bei.

Der Weg nach Zumaia bot eine Reihe wunderschöner Panoramen. Der Horizont verschmolz dabei mit dem Himmel und zeigte ein unglaublich tiefes Blau. Mittlerweile hatte wir es auch wieder weit jenseits der 30 Grad, aber wurden von einem leichten Wind vom Atlantik verwöhnt.

Der junge Mann und das Meer
Der junge Mann und das Meer

Schließlich stiegen wir von der Steilküste herab nach Zumaia und fanden am Ortseingang ein Hinweisschild zu einem Strand. Hier planten wir sogleich, dort unser Tarp zu trocknen und unsere überhitzten Körper mit Atlantikwasser zu befeuchten. Aber erst mal galt es, die Bleibe für die Nacht klar zu machen. Am Hafen von Zumaia setzten wir uns auf eine Bank gegenüber einem norwegischen Schiff, betrachteten die badenden Kinder und sichteten die Möglichkeiten der Unterbringung.

Extrem lautes Schiff im Hafen von Zumaia
Extrem lautes Schiff im Hafen von Zumaia

Vom Schiff her kamen ziemlich laute jaulende Geräusche von irgendeinem Aggregat herüber. Fast so, als hätte der Kahn Heimweh nach den kühlen Fjorden Norwegens gehabt und jammerte so alles andere als still vor sich hin.

Da es noch relativ früh war, konnten wir noch nicht in die Herberge, das ehemalige Kloster San Jose, hinein. Es war aber gut, dass wir die Hinweise im Pilgerführer genau gelesen hatten, denn der Eingang war wirklich nicht einfach zu finden. Später haben wir mit anderen Pilgerern gesprochen und einige sind an dieser Herberge vorbei gelaufen, obwohl sie hier ursprünglich absteigen wollten.

Wir nutzten die Gunst der verbliebenen Stunde bis zur Öffnung und suchten uns ein gutes Restaurant im Zentrum. Bei Schweinefilet slow cooked, einem Salat mit gebratenem Lachs und einem lokalen baskischen Fischgericht abgerundet mit einem hevorragenden Rosato aus Navarra, der über leckere und frische Erdbeer-Aromen verfügte, ließen wir es uns richtig gut gehen. Wir waren nicht die einzigen Genießer in diesem Lokal, aber ich zumindest der einzigste mit einem knallgelben Funktions-T-Shirt und dottergelbem Bandana.

Kurz nach 15:00 Uhr kamen wir dann wieder bei der Herberge an und wurden dort von Katrin empfangen, die kurz zuvor dort erschienen war.

Zelle im Kloster San Jose in Zumaia
Erst mal keusch aufs Ohr hauen …

Vasek und ich bekamen ein Doppelzimmer zugewiesen, das wohl früher einmal die Zelle eines Mönchs gewesen war. Das Kloster war urig eingerichtet. Auf den Gängen standen noch einige Gebetsstühle und zahlreiche Marienbilder hingen an der Wand.

Der Boden und die Türen bestanden aus dunklen Hölzern, die schon einige hundert Jahre auf dem Buckel hatten. Dementsprechend haben wir uns auch vorgesehen, hier nichts kaputt zu machen.

Diese Herberge ist wirklich eine Empfehlung wert, insbesondere wenn man mal echt uriges Pilgerfeeling erleben möchte, ohne in einem Schlafsaal untergebracht zu sein.

Wir hauten uns erst mal für ein gutes Stündchen ins Bett und machten uns danach auf den Weg zum Strand.

Am Strand von Zumaia
Am Strand von Zumaia

Mit meinen zwei Wanderstöcken bauten wir mit dem noch feuchten Tarp einen Lean-To-Shelter, der sich tapfer und angestrengt dem Wind vom Atlantik entgegenstemmte und an den roten Sandheringen zog.

Abwechselnd warfen wir uns in die schäumenden Fluten, die wegen einiger schräg herein kommender Wellen nicht so ganz ohne waren und genossen den Schatten unter dem Tarp, das im Prinzip schon beim Aufbau getrocknet war.

Der Stand war sehr groß, es gab reichlich Platz für alle und das Tarp war so unauffällig wie ein Clown auf einer Beerdigung, aber trotzdem schaffte es ein Spanier, über eine Zeltschnur zu stolpern, einen der Heringe zu ziehen und unser luftiges Bauwerk einzureißen. Dies und sein für uns unverständliches Gemecker nahmen wir als Zeichen zum Aufbruch und blieben nicht mehr lange am Strand sitzen. Durch die aufgekommene Flut mussten wir uns einen anderen Weg zurück suchen und schreckten dabei ein turtelndes Pärchen auf.

Wir deckten uns in einem Eroski-Markt nahe der Herberge mit Proviant ein. Einen schön kühlen Trinkjoghurt stürzte ich sofort herunter.

Zurück in der Herberge reinigten wir noch schnell unsere versandeten Körper und Klamotten und hingen alles in einer Art Gewächshaus auf, in der ein Waschtisch eingebaut war.

Danach setzten wir uns zu Katrin und ihrer Gesprächspartnerin Jenny, einer deutschen Sportskanone, die an diesem Tag aus San Sebastian hergelaufen war. Sie füllte sich immer wieder eine Trinkportion ihres roten Rioja in eine kleine Plastikflasche um, aus der sie dann trank. Ein gewisser Teil dieses edlen Tropfens ging auch an ein spanisches Grüppchen am Nachbartisch, die uns dafür mit selbst gemachten Tappas verwöhnten.

Pünktlich um 22:00 wurden wir von den Hospitaleros freundlich aber bestimmt von der Terasse verwiesen und fielen dann auch schnell ins Bett, obwohl mich der Ort schon etwas an Umberto Eco’s „Der Name der Rose“ erinnerte. Da aber meuchelnde Mönche im weiteren Verlauf ausblieben, schliefen wir bald ein.

Fazit des Tages: Manchmal darf es auch mal dekadent sein, besonders wenn es um einen Rosato aus Navarra geht.

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  1. Ich wurde gerade noch mal drei Wochen zurückversetzt – danke. Ich habe genau die gleiche Etappe gemacht, mit dem Unterschied, dass ich den Pintxos in Zarautz nicht wiederstehen konnte und auch dem Atlantik nicht – der musste gleich beim Einlaufen in den Ort dran glauben, was super war, da die Herberge ja eh erst um drei öffnete. Bin gespannt, wie es bei dir weitergeht und wie lange deine Etappen und meine übereinstimmen 🙂 Schönen Sonntag

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