Camino de la Costa 03: Von Irun nach Ulia (24 km)

9. September 2018. Auf den ersten Metern der Etappe pflasterten Alkoholleichen unseren Weg. Wir trafen das Paar der Stählernen auf dem Berg Jaizkibel, Pasaia war „pretty in pink“ und der Camino forderte den ersten Tribut.

Dieser Beitrag ist auch schon auf meinem neuen Blog veröffentlicht: http://markusunterwegs.de/2018/10/21/camino-de-la-costa-03-von-irun-nach-ulia-24-km/

Die bereits schon hoch gejubelten Ohrstöpsel erledigten ihren Job noch weit vor der einsetzenden Morgendämmerung so gut, dass ich den angeblich musikalischen Weckruf der Herberge in Irun überhaupt nicht mitbekam und von Vasek aus dem Schlaf gestupst werden musste. Der morgendliche Berufsverkehr an der Herberge vorbei schallte laut durch die geöffneten Fenster und lud nicht zum Verbleib im Stockbett ein.

Die morgendliche Dusche schenkte ich mir auf Grund der Erfahrung des Vorabends. Einmal innerhalb 24 Stunden eine urige Pfadfinder-Brause mit Prusten und Bibbern war genug. Also gleich anziehen und zusammenpacken und runter zum vom betagten und sehr freundlichen Hospitalero groß angekündigten Frühstück. Dieses entpuppte sich aber als Stapel lieblos bereit gelegter Baguettes und zweier Kannen mit kaltem Kaffee. Mein original französisches Baguette aus Mainz-Kastel hatte ich noch und mit dem Kaffee, der in der Mikrowelle angewärmt werden sollte, konnte ich mich nicht so recht anfreunden. Das Gebräu konnte mit dem von mir sehr beliebten Wort „Plörre“ sehr präzise beschrieben werden. So stellten Vasek und ich unser Frühstück noch aus Restbeständen unseres Proviants zusammen und füllten diese noch später nach dem Verlassen der Herberge an einer Fruteria im Wesentlichen mit Bananen auf. Die Stimmung der Pilgerer im Frühstücksraum war nicht sonderlich gut, offenbar waren wir mit der Einschätzung der Lage nicht allein.

Wir gingen zurück zum Auto und fuhren noch im Dunkeln am Flugplatz von Irun vorbei nach Hondarribia, um es dort auf einem öffentlichen Parkplatz stehen zu lassen. Wir prüften noch einmal die Lage und die dort sichtbaren Schilder und waren guter Hoffnung, das Auto in gut drei Wochen später wieder dort anzutreffen. Dass diese Hoffnung trog, wird sei hier schon vorweg genommen, mehr dazu aber in einem späteren Beitrag.

Im gelben Outdoor-Führer, dessen Besitz einen Pilgerer als Deutschen allgemein brandmarkt, war empfohlen worden, den Ort Hondarribia genauer anzuschauen, weil er so schön wäre. Allerdings war es noch ziemlich dunkel und auf unserer Suche nach dem Jakobsweg tauchten in der einsetzenden Dämmerung zunächst einzelne, dann aber doch eine ganze Gruppe von Jugendlichen auf, die am Straßenrand ihren Rausch der vorherigen Nacht ausschliefen. Also konzentrierten wir uns darauf, den Camino hoch zum Berg zu finden.

Bereits nach den ersten Metern hatten wir erste schöne Ausblicke auf Irun und den Strand von Hendaye auf der französischen Seite des Grenzflusses.

Blick auf Irun und Hendaye
Blick auf Irun und Hendaye

An der Kirche Ermita Guadelupe am Fuße des Jaizkibel machten wir eine erste Pause an unserer ersten Wasserstelle. Hier trafen wir auf einige Pilgerer, die wir schon zuvor in der Herberge gesehen hatten.

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Darunter ein junges französisches Pärchen, das wohl noch nicht viel Wander-Erfahrung mitbrachte. Jedenfalls gehörten große hellblaue Frottee-Badetücher zu ihrer Ausrüstung, die von der Benutzung in der Herberge noch nicht richtig trocken waren. Sie trugen sie nun als Superhelden-Capes über ihrem Rucksack. Ich sprach sie als Superman und Supergirl an und erntete ein doppeltes französisches Grinsen.

Die beiden Stählernen ließen sich an der Kirche noch Zeit, hatten aber offensichtlich kein Kryptonit im Rucksack dabei und überholten uns beim Aufstieg auf den Berg nach kurzer Zeit und wir haben sie nur noch kurz von Ferne gesehen, wie sie ihre Flausch-Capes vor ein paar fallenden Tropfen mit ihren rasch entfalteten Ponchos schützen wollten. So wandelten sie sich in zwei dunkelblaue Lords der Sith und waren kurz darauf verschwunden.

Statt der Wahl der Wege zu dunklen oder hellen Seite der Macht hat man am Jaizkibel die Entscheidung zu treffen, zwischen einem leichten Pfad und einem steilen mit schöner Aussicht zu wählen. Wir nahmen, auch wegen des schönen Wetters, leichten Herzens und schweren Schrittes den aussichtsreicheren Weg. Also weiter hinauf auf den Gipfel des 547 Meter hohen Berges. Mein Tip dazu: Bei Regen sollte man sich überlegen, diesen Weg zu gehen, weil es dann doch recht rutschige und schlammige Passagen geben dürfte.

Der Höhenweg auf dem Jaizkibel ist eine wirklich sehr schöne Gratwanderung auf dem Bergrücken bis hoch zum Gipfel.

Blick auf die Biskaya vom Jaizkibel
Blick auf die Biskaya vom Jaizkibel

Im Prinzip hatten wir hier den geographischen Höhepunkt des Camino de la Costa schon erreicht. Aber in spiritueller Hinsicht fühlte ich mich noch voll am Anfang. Ich persönlich habe auf dem Bergrücken darüber nachgedacht, ob und wie es sein könnte, so wie Hape Kerkeling Gott auf dem Camino zu begegnen.

An sich bin ich eher ein rationaler Mensch, der zwar als praktizierender Christ an Gott und Jesus glaubt, aber beispielsweise mit der Arche Noah nichts anfangen kann. Wie soll man die Millionen von Tierarten, die es allein im Amazonas-Dschungel gibt, in einem Holzschiff über Wochen artgerecht unterbringen? Für mich ist das alte Testament voll von orientalisch übertriebenen Legenden, die in meinem Leben kaum eine Bedeutung haben. Auf der anderen Seite habe ich zahlreiche spirituelle Erfahrungen in meinem Leben gemacht, etwa als ich noch Ninjutsu praktizierte und mich mit Reiki befasste. Auch später als Buddhist. Die Phase der Rückbesinnung auf das Christentum war eine sehr bewegte Zeit. Doch die wesentlich stärkste Erfahrung mache ich heute, wenn ich an einem Abendmahl teilnehme. Hier spüre ich regelmäßig die Gegenwart von Jesus, und das interessante für mich war, dass ich sie auch oben auf dem Jaizkibel spürte. So als wollte Jesus sagen „ich bin hier, kümmere dich mal ruhig um die anderen Fragen, weswegen du hier pilgerst.“ Das erfüllte mich mit Dankbarkeit.

Mit dieser Dankbarkeit ging es weiter in eine deutlich profanere Herausforderung, nämlich den zahlreichen Schafs-Kötteln auszuweichen. Ich will mich jetzt nicht zu dem Satz versteifen, dass man wie die SPD oder der HSV bei einem Abstieg durch die Sch… waten muss, aber der Gedanke lag dann doch schon ganz schön nahe.

Aber auch solche Strecken kommt man durch und der westliche Bergrücken des Jaizkibel bietet einen wunderschönen Weg durch den Wald. Vasek und ich witzelten herum, dass der Camino ja total überlaufen wäre, wenn uns mal nach einer halben Stunde ein Wanderer begegnete oder es zur Überholung von anderen Pilgern kam. Schließlich kamen wir an einen Abzweig, bei dem es links weiter herunter nach Lezo gehen sollte. Wir setzten gerade sozusagen einen Fuß in die Richtung, als uns ein plötzlich „dahergelaufener“ Spanier den Rat gab, lieber auf dem ursprünglichen Weg zu bleiben, wenn wir denn nach Pasaia wollten. Da wir uns etwas unsicher waren, gab er uns noch weitere Hinweise mit seinem Smartphone und in relativ flüssigem Englisch. Der Camino gibt halt, was man wirklich braucht. Wir entschieden uns dann, Lezo links liegen zu lassen und stapften weiter durch den Wald.

Etwa eine gute halbe Stunde danach ließen wir uns am Waldrand unter einem Baum nieder und machten eine Lunch-Pause, bei dem der Rest des Baguettes aus Mainz und mein mitgebrachter Gouda verzehrt wurden. Vasek steuerte ein paar tschechische Äpfel aus dem heimischen Garten bei. Von diesen lukullischen Genüssen abgelenkt wurde Vasek von einem der gefährlichsten Tiere des Baskenlands angegriffen. Eine Raupe verbiss sich in seine kurze Hose und ließ sich nur mit sehr viel Mühe wieder entfernen.

Also flüchteten wir weiter Richtung Pasai Donibane und sahen schon bald das erste Haus, über dem eine recht große Flagge in Rosa wehte. Meine erste Assoziation war, dass dies eine Kommune von Homosexuellen wäre und machte mir schon ein Ausrufezeichen im Hinterkopf, dass dies im katholischen Spanien direkt am Jakobsweg schon bemerkenswert wäre. Aber dann sah ich, dass quasi der gesamte Ort in Rosa geschmückt war, und Pasaia auf der anderen Seite in einem ebenfalls sehr femininen Lila. Später fanden wir heraus, dass dieser Schmuck mit einer Ruder-Regatta zu tun hatte und die Orte entsprechende Farben der Ruderteams trugen.

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Zwar lockte in Pasai Donibane die ein oder andere Bar mit einem vermutlich leckeren Wein, wir ließen uns aber gleich mit der kleinen grünen Fähre für den erschwinglichen Preis von 80 Cent nach Pasaia herübertuckern. Dort erlagen wir beide dann doch der Versuchung, allerdings in Form eines Eiswagens, der recht leckeres Kaffee-Eis im Angebot hatte.

So auf Normalmaß wieder heruntergekühlt und angeregt ging es weiter mit den frisch bei einer Statue der Jungfrau Maria befindlichen Wasserstelle aufgefüllten Flaschen die Ria entlang und dann zum Aufstieg in Richtung Ulia. Die vielen recht hohen Stufen bis hoch zur ersten Anhöhe erforderte doch ein ordentliches Maß an Wadenschmalz. Oben angekommen warf ich mit Schwung meinen Rucksack auf eine Bank, dabei muss mir meine gerade gefüllte 1 Liter Nalgene Wasserflasche heraus gefallen sein. Bemerkt habe ich das erst wieder ein paar Kilometer weiter bei unserer nächsten Pause auf einem Betonklotz. An sich ärgerlich, auf der anderen Seite hat sich später herausgestellt, dass ich das Extra-Kilo der Flasche im weiteren Verlauf nicht brauchte. Nur jetzt saugte der Verlust etwas an der Motivation, noch weiter zu gehen und auch Vasek war schon ganz schön platt. So brauchten wir relativ lange, bevor wir unsere Notstrom-Aggregate angeworfen hatten, um noch eine gute Strecke zur Herberge zu laufen.

So liefen wir noch gut 100 Meter den Hügel hinauf, um dann unerwartet plötzlich an unserem Ziel anzukommen – der Herberge der 12 Stämme in Ulia.

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An dieser Herberge scheiden sich die Geister vieler Pilgerer, mein Reiseführer lässt nicht unerwähnt, dass dieses Haus von einer streng christlich orientierten „Sekte“ geführt wird. In Deutschland gab es auch eine Niederlassung dieser Gemeinschaft, die mit dem örtlichen Jugendamt wegen des Schlagens von Kindern und der Schulpflicht in Konflikt geriet. Daher wurde diese in die Tschechische Republik verlegt und viele der Mitglieder sind entsprechend dort hingezogen.

So war es nicht erstaunlich, dass Vasek in seiner Muttersprache von einem der Mitarbeiter angesprochen wurde, als wir uns anmeldeten und uns herum führen ließen. Das Haus selbst ist urgemütlich, viele Wände und Decken sind mit Holz getäfelt und auch die Betten sind alle aus massivem Holz. Ein Garten und große Terassen und ein Wintergarten laden zum Verweilen ein. Besonders das liebevoll gestaltete Bad nahmen wir gerne zur Reinigung des erschöpften Leibes und seiner Funktions-Bekleidung an.

Blick aus dem Garten der Herberge
Blick aus dem Garten der Herberge

In Erwartung des Abendessens boten Vasek und ich an, beim Decken der Tische zu helfen und dies wurde auch dankbar angenommen. Später beim Essen trafen wir auf ein Pärchen aus Thüringen, die einen alten Ford Transit, der anscheinend nur noch durch Kaugummi und gute Wünsche zusammengehalten wurde an der Herberge abgestellt  und direkt daneben ihr Zelt aufgebaut hatten. Auch Katrin, eine weitere Pilgerin an unserem Tisch, hatte ihr eigenes Zelt dabei und im Garten stehen. Mit ihr sollten wir in den nächsten Tagen noch mehr zu tun bekommen.

André, ein Franko-Kanadier aus Quebec war dagegen unser Zimmergenosse. Mit ihm hatten wir ein lautes Klagelied über das Frühstück in Irun angestimmt, wobei er ausdrücklich Croissants vermisst hatte. Er fragte uns nach wilden Tieren in Spanien. In Unkenntnis der später erst in Deutschland gesehenen Nachricht über die Aussiedlung von Bären in den Pyrenäen sagten wir ihm basierend auf unserer aktuellen Erfahrung, dass die schlimmste Gefahr von Raupen ausgehen würde. Er sagte uns, dass er bei seinen Wanderungen gerne mit einem Glöckchen klingelt, insbesondere wenn er beim Laufen Gegenwind hat, um Bären zu vertreiben. Wir mussten in den Tagen darauf immer an ihn denken, wenn wir das Klingeln einer Schafherde hörten.

Das Essen war einfach, aber gut und lecker. Besonders das selbst gebackene Brot aus der eigenen Bäckerei in Ulia war wirklich hervorragend. Vielleicht die besten Backwaren von ganz Baskenland.

Nach dem Essen gab es endlich Zeit für ein längeres Telefonat mit den Lieben daheim, auch für Vasek. Es war auch die beste Möglichkeit, sich von den Gesprächen im Speiseraum so langsam loszueisen.

Gemütliche Schlafstatt bei den 12 Stämmen
Gemütliche Schlafstatt bei den 12 Stämmen

Blieb nur noch, sich so langsam bettfein zu machen und die Ohrstöpsel tief in den Gehörgang zu schieben. Letzteres sollte sich noch als Fehler erweisen …

Fazit des Tages: Der Camino nimmt, was man nicht braucht und er gibt, was man braucht.


Dies war die erste Wander-Etappe. Willst du wissen, wie alles anfing? Hier der Bericht über die Anreise nach Irun.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Markus, kurz reingelesen, sofort Spaß gehabt. Du musst ein gutes Vorbild haben 😂😂😂
    Ernsthaft – es macht Spaß, deinem Bericht zu folgen, zumal ich ja selbst erst vor wenigen Wochen genau diese Strecke gegangen bin.
    Freue mich schon auf die anderen Beiträge! Audrey

    Gefällt 1 Person

    1. Danke! Die Beiträge kommen immer Sonntags um 9:00 und Mittwochs um 18:00 Uhr.

      Gefällt 1 Person

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